Chemische Ökologie, Morphologie, Spermienkonkurrenz
Chemical Ecology, Morphology, Sperm Competition

 
 

 

Prof. Dr. Klaus Peschke - Research

1) Chemische Ökologie: Pheromone und Wehrsekrete der Arthropoden
2) Verhaltensökologische und genetische Analyse von Paarungssystemen
3) Funktionmorphologie von Genitalorganen und Spermien der Insekten (Spermienkonkurrenz und cryptic female choice)
4) Systematik und phylogenetische Rekonstruktion von Merkmalsevolution


Allgemein

Im Zentrum meiner Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie und Ökologie stehen Fragen nach der sexuellen Selektion bei Insekten. In der organismischen Betrachtung sollen sowohl proximate Mechanismen, z.B. der chemischen Kommunikation oder der Spermienkonkurrenz, als auch ultimate Konsequenzen für den Fortpflanzungserfolg geklärt werden. Der vergleichende Ansatz erfordert auch die Kenntnis der Phylogenie der jeweiligen Tiergruppe. Dazu ist ein interdisziplinärer Ansatz mit vielen Methoden notwendig (Chemische Ökologie, Verhaltensanalyse, Funktionsmorphologie, Genetische Analyse des Reproduktionserfolges, Molekularsystematik). Laboruntersuchungen werden mit Freilandarbeiten kombiniert. Hauptversuchstiere sind Kurzflügelkäfer der Gattung Aleochara, wir arbeiten aber auch mit heimischen Aaskäfern, wüstenlebenden Schwarzkäfern, tropischen Diplopoden und Raubwanzen.


1) Chemische Ökologie: Pheromone und Wehrsekrete der Arthropoden

Kutikulare Kohlenwasserstoffe spielen beim Schutz vor Wasserverlusten durch die Insektenkutikula eine entscheidende Rolle, können aber auch in der intraspezifischen Kommunikation eingesetzt werden. Beim Kurzflügelkäfer Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae) fungieren langkettige Alkene als weibliche Sexualpheromone, die auch der Modulation aggressiver Auseinandersetzungen der Männchen und der weiblichen Partnerwahl dienen. Außerdem werden männchenspezifische Substanzen bei der Kopula auf das Weibchen übertragen und senken dessen Attaktivität (Antiaphrodisiaka als mate-gurading Mechanismus). Die evolutionsbiologische Bedeutung der chemischen Kommunikation im Paarungssystem steht im Mittelpunkt. Chemische Titerbestimmungen und Verhaltensanalysen werden daher unter möglichst natürliche Verhältnissen, z.T. im Freiland und an lebenden Tieren (solid-phase-microextraction) durchgeführt. Die Käfer besitzen auch Aggregationspheromone, die Wehrsekrete der Käfer werden ebenfalls bei intra- und intersexuellen Interaktionen eingesetzt. Vergleichende chemische Analysen der kutikularen Kohlenwasserstoffe bei Vertretern der Gattung Aleochara sollen die unterschiedliche Bedeutung der chemischen Kommunikationssysteme je nach Paarungssystem und deren Bedeutung für die reproduktive Isolation belegen. Sie werden auch als Merkmal für chemisch-taxonomische Untersuchungen herangezogen.
Kutikulare Kohlenwasserstoffe spielen auch bei der Erkennung von Sexualpartnern und Partnern in der Brutpflege beim Totengräber eine Rolle (Nicrophorus spp., Coleoptera, Silphidae; Kooperation mit J. K. Müller, Doktorandin S. Whitlow). An wüstenlebenden Schwarzkäfern wird die chemische Kommunikation im Paarungssystem und bei der Brutpflege in Zusammenarbeit mit Frau Prof. Dr. A. Rasa (Südafrika, vormals Universität Bonn) analysiert. Dabei interessiert uns (Doktorand S. Geiselhardt) besonders der Brutparasitismus von nahe verwandten Arten und die Erkennung von Brutbauten der Wirtsarten durch die Kleptoparasiten und das Einschleichen durch chemische Mimikry (kutikulare Kohlenwasserstoffe, Terpene im Wehrsekret). Wehrsekrete von tropischen Diplopoden und Raubwanzen werden in Zusammenarbeit mit Dr. D. Mahsberg (Institut für Tropenbiologie, Universität Würzburg) vergleichend unteruscht. Dabei spielen Fragen zur Biosynthese von Chinonen und zur Ausbeutung der Information durch Räuber und Parasitoide eine Rolle (Kairomone).
Ein großer Teil der chemischen Analytik (z.B. Gaschromatographie, Massenspektrometrie, Elektroantennogramme) wird im eigenen Labor durchgeführt, bei komplexen chemischen Identifikationen und Synthesen besteht eine enge Kooperation mit Prof. Dr. W. Francke, Institut für Organische Chemie, Hamburg). Drüsen und komplexe Mechanismen der Sekretabgabe werden funktionsmorphologisch in Kooperation mit Frau Dr. C. Gack bearbeitet (s.u.)
Die Chemische Ökologie wird auch allgemein in einer Spezialvorlesung behandelt, Einzelthemen in Seminaren und im Großpraktikum vertieft. In der Abteilung arbeitet auch Frau PD Dr.S.Dobler chemisch-ökologisch.
Chemisch-ökologische Projekte wurden durch das DFG-Schwerpunktprogramm "Chemische Ökologie - Verhaltensmodifizierende Naturstoffe", kürzlich durch ein Kooperationsprojekt mit Frau Prof. Dr. A. Rasa gefördert.

Beispielhafte Publikationen

Peschke K, Friedrich P, Gantert C, Metzler M (1996) The use of the tergal gland defensive secretion in male intrasexual aggression of the rove beetle, Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae) measured by closed loop stripping-analyses and tandem-bioassay-mass fragmentography. Chemoecology 7:24-33

Peschke K, Friedrich P, Kaiser U, Franke S, Francke W (1999) Isopropyl (Z9)-hexadecenoate as a male attractant pheromone from the sternal gland of the rove beetle Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae). Chemoecology 9:47-54

Beispielhafte Examensarbeiten

Geiselhardt S (2001) Potentielle Semiochemicals im Reproduktionsverhalten von Parastizopus armaticeps Pér. (Coleoptera: Tenebrionidae): Chemische Indentifikation, Lokalisation der Duftquellen und Adsorption von Duftstoffen aus dem Luftraum. Diplomarbeit, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

Riedel M (2000) Chemische Analyse der kutikularen Kohlenwasserstoffe und des Tergaldrüsensekrets und die Auslösung des männlichen Kopulationsverhaltens bei Aleochara bilineata GYLL. (Coleoptera, Staphylinidae). Diplomarbeit, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

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2) Verhaltensökologische und genetische Analyse von Paarungssystemen

Das Paarungssystem von Kurzflügelkäfern der Gattung Aleochara wird verhaltensökologisch bearbeitet. Aggressive Auseinandersetzungen der Männchen sichern einen hohen Fortpflanzungserfolg in Territorien, Weibchen wählen geeignete Partner. Je nach den ökologischen Rahmenbedingungen (Ressourcen und Geschlechterverteilungen) haben die einzelnen Verhaltensmechanismen einen unterschiedlichen Stellenwert in der sexuellen Selektion. Der Reproduktionserfolg wird durch genetische Analysen der Vater- (bzw. Eltern-)-schaft quantifiziert (DNA-fingerprinting). Neben Verhaltensanalysen im Labor versuchen wir, die Freilandbedingungen im Labor zu simulieren oder wichtige Daten zum Paarungssystem im Freiland zu ermitteln. Dazu muß die Ökologie von aas- und dungbewohnenden Insekten untersucht werden. Eine Schlüsselelement ist die parasitoide Lebensweise der Aleochara-Larven in Fliegenpuparien, deren Verhaltensökologie ebenfalls bearbeitet wird. Das Paarungssystem der Imagines wird aber nur im Zusammenhang mit Spermienkonkurrenz und kryptischer weiblicher Partnerwahl verständlich (s.u.) bzw. dessen Kenntnis ist für das Verständnis des Anpassungswertes chemischer Kommunikation wichtig (s.o.)
DNA-Fingerprinting mit Oligonucleotidsonden wird in unserem Labor routinemäßig an mehreren Käferarten durchgeführt. Freilanduntersuchungen finden z.T. im Freiburger Raum, besonders aber in Zusammenarbeit mit der Biologischen Station Neusiedlersee (Österreich) statt.

Das Projekt wurde im kürzlich ausgelaufenen Schwerpunktprogramm "Genetische Analyse von Sozialsystemen" durch die DFG gefördert.

Beispielhafte Publikationen

Benken T, Müller JK, Peschke K (1998) Oligonucleotide DNA fingerprinting optimized to determine parentage in three beetle species. Electrophoresis 19:158-163

Benken T, Knaak A, Gack C, Eberle M, Peschke K (1999) Variation of sperm precendence in the rove beetle Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae). Behaviour 136:1065-1077

Beispielhafte Examensarbeiten

Eberle M (1999) Untersuchung zur Spermienkonkurrenz bei Aleochara bilineata (Gyll.) (Coleoptera: Staphylinidae) durch Bestimmung des individuellen Fortpflanzungserfolges nach Mehrfachverpaarung mittels DNA-Fingerprinting. Diplomarbeit, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

Knaak A (1996) Spermienkonkurrenz und Fortpflanzungserfolg bei Mehrfachkopulationen von Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae). Wissenschaftliche Arbeit zur wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

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3) Funktionmophologie und Genitalorganen und Spermien der Insekten (Spermienkonkurrenz und cryptic female choice)

Die komplizierten Genitalorgane der Insekten werden unter dem Blickwinkel der sexuellen Selektion in Zusammenarbeit mit Frau Dr. C. Gack untersucht. Weibchen können die Aufnahme von Spermien, deren Speicherung und Verwendung bei der Befruchtung durch den Bau der Spermatheken steuern. Männchen haben mit ihren Genitalorganen und komplexen Spermatophoren Mechanismen entwickelt, die weiblichen Hindernisse und Filter zu überwinden. Mit in vivo Beobachtungen konnten wir bei der Art A. curtula Spermienverdrängung direkt nachweisen. Selbst nahe verwandte Arten zeigen extreme Unterschiede im Bau der männlichen und weiblichen Genitalorgane und andere Mechanismen der Spermienkonkurrenz. Extravagante Merkmale im Wettlauf der Geschlechter werden vor einem phylogenetischen Hintergrund betrachtet (s.u.)
Besonderes Augenmerk richten wir auf die Morphologie und Motilität der Spermien, die bei Aleochara-Arten eine extreme Größenvariation aufweisen, die wahrscheinlich bei der Spermienkonkurrenz von großer Bedeutung ist. Da die biomechanischen Voraussetzungen für die Spermienmotilität bisher schlecht untersucht waren, haben wir eine grundlegende feinstrukturelle und biopyhsikalische Analyse der Bewegung an Insektenspermien begonnen (Doktorand M. Werner, in Kooperation mit dem Biophysiker PD.Dr.T.Speck und Dr. D. Zissler, Entwicklungsbiologie).
Die funktionsmorphologischen Untersuchungen erfordern Präparationen und experimentelle Manipulationen im Mikromaßstab, biochemische und biomechanische Arbeiten und verschiedene histologische und mikroskopische Techniken (Lichtmikroskopie mit verschiedenen Methoden, Raster- und Transmissions-Elektronenmikroskopie, computergestützte Morphometrie und Bewegunsanalysen). Die funktionsmorphologischen Daten werden mit Ergebnissen zur sperm precedence mit DNA-analytischen Methoden korreliert.

Das Projekt zur Spermienmotilität wird derzeit durch die DFG gefördert.

Beispielhafte Publikationen

Förster M, Gack C, Peschke K (1998) Morphology and function of the spermatophore in the rove beetle, Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae). Zoology 101:34-44

Benken T, Knaak A, Gack C, Eberle M, Peschke K (1999) Variation of sperm precendence in the rove beetle Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae). Behaviour 136:1065-1077

Werner M, Zissler D, Peschke K (1999) Structure and energy pathways of spermatozoa of the rove beetle Aleochara bilineata (Coleoptera, Staphylinidae). Tissue Cell 31:413-420

Beispielhafte Examensarbeiten

Böhminghaus A (laufend)
Tscheulin T (2000) Untersuchungen zur Motilität der Spermien von Aleochara curtula. Staatsexamensarbeit, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

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4) Systematik und phylogenetische Rekonstruktion von Merkmalsevolution

Die vergleichenden Arbeiten an Aleochara-Arten zur Evolution der parasitoiden Lebensweise der Larven, zur Chemie von Pheromonen und Wehrsekreten, Verhaltensstrategien und Bau und Funktion der Genitalorgane und Spermien erforderte die Erstellung eines robusten Stammbaumes der Gattung. Da dieser aus morphologischen Daten der merkmalsarmen Imagines nicht zu ermitteln, wurde in enger Kooperation mit Frau PD Dr. S. Dobler in der Abteilung ein molekularsystematischer Stammbaum erstellt, auf grund dessen die Evolution vieler Merkmale verständlich wurde. Einen ähnlichen Ansatz wollen wir an den wüstenlebenden Schwarzkäfern verfolgen, deren phylogenetische Beziehungen unklar sind und für die wir die Evolution des Brutparasitismus und der chemischen Ausbeutung ermitteln wollen.
Frau Dobler führt in der Abteilung ein eigenes Labor mit Standardmethoden der Molekularsystematik (PCR, Sequenzierung, mathematische Analyse von Stammbäumen). Daneben fördern wir auch klassische Systematik und Taxonomie, da dies Voraussetzung für die phylogenetischen Analysen ist und bei den von uns untersuchten Käfergruppen nur unzureichende Kenntnisse vorliegen.

Beispielhafte Publikationen

Maus C, Peschke K, Dobler S (2001) Phylogeny of the genus Aleochara inferred from mitochondrial cytochrome oxidase sequences (Coleoptera: Staphylinidae). Mol Phylogenet Evol 18:202-216

Beispielhafte Examensarbeiten

Maus C (2001) The phylogeny of the genus Aleochara GRAVENHORST, 1802 (Coleoptera: Staphylinidae). Dissertation, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

Knaak A (1996) Spermienkonkurrenz und Fortpflanzungserfolg bei Mehrfachkopulationen von Aleochara curtula (Coleoptera: Staphylinidae). Wissenschaftliche Arbeit zur wissenschaftlichen Prüfung für das Lehramt an Gymnasien, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg

 
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