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(Last modification: 22. November 2009)

 

Sirtuine: Arrangement der Seiten


 

Sirtuin-Inhibitoren

  

Anmerkung:

   Der grösste Teil dieser Seite ist ein Extrakt eines excellenten Übersichtsartikel: Alcaín and Villalba, 2009); dazu kamen ein paar neuere Zitate. Sehen Sie sich auch den Review von Grubisha et al., 2005  an.

 

Einführende Anmerkung

 

    Nach all den guten Wirkungen von Sirtuin-Aktivierung (mehr...): Warum sollte jemand an dem Gegenteil interessiert sein, d.h. an der Blockierung der tollen Wirkung von Resveratrol und anderen Aktivatoren? Wie meist, jedoch, sind die Dinge nicht so einfach, und Sirtuin-Aktivierung könnte einige sehr unerwünschte Wirkungen haben. Zum Verständnis dieser Feststellung müssen wir uns als Beipiele wenigstens einige Eigenschaften von Sirtuinen etwas genauer ansehen (dies kann nur eine Auswahl sein; es gibt sicher mehr Beispiele!).  Der Focus ist hier auf menschliches SIRT1 und SIRT2, weil dies die bevorzugten Angriffstellen für Aktivatoren und Inhibitoren sind, und viele wirken auf beide. Wenn Sie sich die wenigen hier besprochenen Einzelheiten ersparen wollen, können Sie sich die Schlussfolgerungen direkt ansehen: Mehr...

  • SIRT1
       Neben all den guten Effekten hat SIRT1 mindestens eine Eigenschaft mit einem Januskopf, d.h. sie kann gut oder schlecht sein. Das ist die SIRT1 katalysierte Deacetylierung des Tumor-Suppressor-Proteins p53, die zur Inaktivierung von p53 führt (Vaziri et al., 2001). Das ist gut für normale Zellen, weil es das Überleben in schwierigen Situationen verbessert und die Lebensdauer erhöht. Für Tumorzellen ist gerade das nicht erwünscht: Es könnte das Überleben und die Vermehrung dieser Zellen fördern. Tatsächlich ist SIRT1 in den meisten Krebszellen aktiver als in Normalzellen, z.B. in menschlichem Lungenkrebs, Prostata-Krebs, Leukämie, in Krebszell-Linien, und in Gewebeproben aus Dickdarm-Krebsen (zusammengefasst in Ashraf et al., 2006; Lim, 2006; Stünkel et al., 2007; Fraga and Esteller, 2007; Jung-Hynes et al., 2009).  Eine Re-Aktivierung von p53, d.h. eine Hemmung von SIRT1 anstatt einer Stimulierung, könnte eine starke Apoptose in Tumorzellen auslösen, und damit zur Eliminierung von Tumoren beitragen.

  • SIRT2
       Dieses Protein ist vorwiegend im Cytoplasma lokalisiert, mit der höchsten Expression im Gehirn. Es ist an Microtubuli gebunden, deacetyliert Tubulin (North et al., 2003) und spielt eine Rolle im Zell-Zyklus (Inoue et al., 2007). Ausserdem sind p53 und die Histone H3 und H4 ebenfalls Substrate von SIRT2. Das lässt weitere Rollen vermuten  (Heltweg et al., 2006), und so könnte potentiell die Aktivierung von SIRT2 genauso wenig wünschenswert sein wie die von SIRT1. Aber es gibt auch andere Seiten: SIRT2 deacetyliert auch den Transkriptions-Regulator FOXO3a (Wang et al., 2007), und das aktiviert ihn. Eine Konsequenz davon ist, dass Apoptose unter starkem Stress gefördert wird. Wegen dieser Aktivitäten ist SIRT2 potentiell ein Tumor-Suppressor. Tatsächlich ist es so, dass SIRT2 in einer grossen Zahl von Gehirn-Tumoren sehr stark reduziert ist (Voelter-Mahlknecht et al., 2005). Also wieder: Änderungen der SIRT2-Aktivitäten können wünschenswerte und weniger wünschenswerte Wirkungen haben. Siehe auch die interessanten Artikel von Garske et al., 2007 und Jing et al., 2007, die sich unter anderem mit der Komplexität der SIRT2-Funktionen beschäftigen.

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Das Folgende ist eine kurze Besprechung einiger Inhibitoren

Anmerkung: Die Liste ist sicher nicht auf dem Laufenden, und es gibt bei vielen der Inhibitoren wesentlich mehr Publikationen; dies hier ist eine Selektion.

Die Formeln der Moleküle sind in Fig. 1

  • Splitomycin und Derivate
    Splitomycin wurde bei einer Suche nach Inhibitoren des Hefe Sir2 entdeckt (Bedalov et al., 2001; Hirao et al., 2003; Posakony et al., 2004), aber es war nicht sehr aktiv mit menschlichen Sirtuinen. Eine Reihe von stärkeren Derivaten wurden entwickelt; einige waren sehr effektiv, und sie zeigten eine Korrelation zwischen Hemmung der Enzymaktivität und Anti-Tumor-Wirkung (Neugebauer et al., 2008). HR73 ist ein Derivat welches menschliches SIRT1 hemmt. Diese Hemmung der SIRT1 Deacetylase-Aktivität hemmt die Deacetylierung des  Proteins Tat (Trans-Activator of Transcription), welches in seiner deacetylierten Form zu einer enormen Steigerung der Transkription aller Gene des integrierten HIV Provirus führt. Eine Reduktion der Tat-Aktivität als Konsequenz einer SIRT1-Hemmung könnte also möglicherweise zur Behandlung von HIV Infektionen verwendet werden (Pagans et al., 2005). Spätere Arbeiten kamen jedoch zu anderen Schlussfolgerungen: Sie beschrieben, dass eine Aktivierung von SIRT1, z.B. durch Resveratrol, die Tat-induzierte HIV-1 Transaktivierung hemmte (Zhang et al., 2009a, 2009b), und das ist genau das Gegenteil. Was auch immer letztendlich anwendbar ist: Es ist auch hier offensichtlich, dass die Signaltransduktionswege viel komplizierter sind als bisher gedacht, und dass die Verwendung verschiedener Modellsysteme zu widersprüchlichen Ergebnissen führen kann.

  • Sirtinol
    Diese Substanz hemmte Hefe Sir2 und menschliches SIRT2 in vitro; sie ist wahrscheinlich ein genereller Hemmer der Deacetylase-Aktivitäten der Sirtuine. Der 2-Hydroxy-1-Napthol-Anteil (blau in Fig. 1) des Moleküls ist der entscheidende Faktor für die Aktivität, und diese Substanzen sind eine neue Klasse von SIRT-Inhibitoren (Grozinger et al., 2001). Sirtinol stoppte das Wachstum von menschlichen Brustkrebszellen und Lungenkrebszellen (Ota et al., 2005), und Prostata-Krebszellen (Jung-Hynes et al., 2009), und es hatte eine hemmende Wirkung auf Antigen-induzierte Luftwegs-Entzündungen und Überreaktionen (Kim et al., 2009). Ausserdem schützte es gegen bestimmte Muskeldystrophien (Catoire et al., 2008). Noch wirksamere Analoge wurden entwickelt (Mai et al., 2005). Wie bereits oben angemerkt: SIRT1 ist hochaktiv in den meisten Krebszellen (s. oben), und deshalb könnten solche Inhibitoren nützlich sein. Eine weitere unerwartete Anwendung könnte die Verhinderung oder Behandlung von Leishmaniase sein, speziell in Patienten mit reduzierter Immun-Abwehr (Vergnes et al., 2005; Tavares et al., 2008).
    Eine Bemerkung über Sirtuine in Pflanzen: Die Experimente von  Grozinger et al. (2001) untersuchten auch die Wirkung von Sirtinol auf die Entwicklung von Arabidopsis thaliana Keimlingen. Das schien interessant, da Pflanzen Sirtuin-verwandte Proteine enthalten (Pandey et al., 2002), und es war eine attraktive Möglichkeit, dass sie ähnliche Funktionen wie in anderen Organismen haben. Die Ergebnisse zeigten tatsächlich einige Auxin-ähnliche Effekte, und es schien möglich, dass Sirtuine an Aspekten von Auxin-Wirkung/Kontrolle beteiligt sind. Spätere Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Sirtinol-Wirkungen höchstwahrscheinlich nichts mit Sirtuinen zu tun haben: Sorgfältige Analysen zeigten, dass das Sirtinol in Pflanzen zu
    2-Hydroxy-1-Naphthaldehyd und 2-Hydroxy-1-Naphthoesäure abgebaut wurde, und beides sind Auxin-Analoge, welche Auxin-kontrollierte Entwicklungen auslösen können (Dai et al., 2005).

  • AGK2
    Die Anwendung dieses SIRT2-Inhibitors bewirkte, zumindest in einem Zellkultur-Modell und in einem Drosophila-Modell, eine Besserung bei der Bildung von Alpha-Synuclein Fibrillen, wie sie charakteristisch für neurodegenerative Krankheiten sind, z.B. Parkinson-Krankheit (Outeiro et al., 2007). AGK2 wurde auch in neueren Arbeiten als Sirtuin-Inhibitor angewendet (Giammona et al., 2009).

  • Tenovin
    Lain et al. (2008) untersuchten 30,000 kleine Moleküle auf ihre Fähigkeit, p53 zu aktivieren, und heraus kamen dabei zwei Substanzen, die sich als SIRT1-Inhibitoren herausstellten. Sie reduzierten Tumor-Wachstum in vitro in micromolaren Konzentrationen, und verzögerten Tumor-Wachstum in vivo, auch wenn sie allein eingesetzt wurden. Tenovin-6 war ein bisschen effektiver als Tenovin-1. Sehen Sie sich auch die Kommentare von Brooks und Gu (2008) an.

  • Gambinol
    Heltweg et al. (2006) identifizierten und characterisierten diese interessante Substanz, welche den gleichen 2-Hydroxy-1-Napthol-Kern hat wie Sirtinol, Splitomycin, HR73, und Salermid (auch in Fig. 1, und im nächsten Absatz beschrieben). Sie hemmt die Deacetylase-Aktivität von menschlichem SIRT1 und SIRT2, und war am aktivsten mit Burkitt-Lymphom Zell-Linien. Neuere Arbeiten beschrieben Modifikationen des Grundgerüstes, die zu höherer Aktivität und veränderter Selektivität führten (Medda et al., 2009).

  • Salermid
    Diese Substanz wurde erst kürzlich beschrieben (Lara et al., 2009). Sie war ein sehr wirksamer Inhibitor von SIRT1 und SIRT2 in vitro, in viel niedrigeren Konzentrationen als Sirtinol. Sie wurde von Mäusen sehr gut in Konzentrationen bis zu 0.1 mM vertragen. Salermid induzierte Apoptose in Krebs, aber nicht in normalen Zellen. Interessanterweise war die Wirkung unabhängig von p53. Der Mechanismus verlief anscheinend über eine SRT1-katalysierte Deacetylierung von K16H4 (= Lysin 16 in Histon 4); dies führte zu einer Re-Aktivierung von pro-apoptotischen Genen, die typischerweise in Krebszellen reprimiert sind.

Fig. 1.

Strukturen einiger Sirtuin-Inhibitoren.

Blau: Der 2-Hydroxy-1-Naphtol Teil, der mehreren Inhibitoren gemeinsam ist.
Abbildung von Alcain and Villalba, 2009, modifiziert und vereinfacht.

Strukturen einiger Sirtuin-Inhibitoren

 

   Diese kurze Übersicht deckt nicht alle beschriebenen Inhibitoren ab, z.B. die Thiobarbiturate und einige andere (siehe Alcain und Villalba, 2009, Zitat am Ende der Seite, für die Einzelheiten.

 

Schlussfolgerung

 

   Ich gebe zu, dass ich ein wenig schockiert war nach dem Studium dieser Publikationen: Mir war nicht klar, dass Sirtuin-Aktivatoren möglicherweise eine stimulierende Wirkung auf Krebs und Tumorwachstum haben. Die meiste Literatur über Resveratrol beschäftigt sich mit seinen guten Wirkungen.

   Die Veröffentlichung von Jang et al. (1997) über die Krebsverhinderungen/Kuren durch Resveratrol war sicherlich einer der bedeutendsten Anstösse. Darauf folgten eine Vielzahl von optimistischen Publikationen, und einige Jahre später die Identifizierung von Sirtuinen als wichtige Ziele von Resveratrol.  Man hat manchmal den Eindruck, dass manche der Arbeiten entweder nichts über die möglichen Nebeneffekte wissen (oder vielleicht wissen wollen?).

   Wie auch immer, mein Rat ist: Wenn Sie daran denken, Resveratrol regelmässig zu nehmen (oder es bereits tun), dann wäre es sicher nicht schlecht, mit Ihrem Arzt darüber zu sprechen (in der Hoffnung, dass er sich mit der komplexen Thematik einigermassen auskennt).

   Das sollten Sie auf jeden Fall tun, wenn Krebs/Tumore in Ihrer Familie bereits aufgetreten sind, oder wenn Sie bereits in etwas fortgeschrittenem Alter sind. Wer kann schon sicher sein, dass er nicht bereits solche Zellen in seinem Körper hat?

 

Sehen Sie auch den Kommentar in der Seite über Sirtuine an (mehr...), und Überlegungen zur Anwendung von Resveratrol beim Menschen (mehr...). 

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Zitat

  • Alcain, F. J., Villalba, J. M., 2009b. Sirtuin inhibitors. Expert Opinion on Therapeutic Patents 19, 283-294.
    BACKGROUND: The sirtuin family of deacetylase enzymes comprises seven proteins (SIRT1-7) that are dependent on NAD+ for their activity. Three proteins are located in the nucleus, three in the mitochondria and only one is predominantly cytoplasmic. Caloric restriction and oxidative stress generally up-regulate their expression. SIRT1, the orthologue of yeast Sir2, is the mammalian sirtuin that has been most extensively studied to date. Among other targets, SIRT1 down-regulates the activity of the nuclear transcription factor p53, being this related with an increase in lifespan and cell survival associated to stress resistance.
    OBJECTIVE: Because sirtuin modulation could have beneficial effects on several human diseases, there is a growing interest in the discovery and development of small molecules that modify its activity. This review will be focused on sirtuin inhibitors.
    CONCLUSIONS
    : Several specific inhibitors of SIRT1 have been described. These compounds could be mainly useful for the treatment of cancers by increasing p53 activity that stops the formation of tumours and induces apoptosis. A p53-independent massive induction of apoptosis has been also described for one inhibitor. In addition, a potent and selective SIRT2 inhibitor that ameliorates the alpha-synuclein fibril formation in Parkinson disease has been proposed to treat this kind of neurodegenerative disease.

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File History:

  • 22.11.2009: Update on a few links, and sirtinol action in plants: more...

  • 21.11.2009: Deutsche Version

  • 03.11.2009: Design of page

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