Institut für Biologie I
Strukturwandel, Personalstruktur & wissenschaftlices Profil
Im Sommer 1945 wurde der bisherige Direktor des Zoologischen Instituts,
Otto Mangold, aus politischen Gründen suspendiert. Bis zum
15. Oktober 1946 war Bruno Geinitz kommissarischer Direktor. Ihm
folgten Otto Köhler (1946) und Bernhard Hassenstein (1960)
nach. Auf seine Anregung hin war die Naturwissenschaftlich-Mathematische
Fakultät bereit, die beiden neuen, vom Wissenschaftsrat empfohlenen
Lehrstühle mit Vertretern noch fehlender Fachrichtungen zu
besetzen, so daß im Endeffekt das Gesamtgebiet der Zoologie
gleichrangig repräsentiert wurde. Während Hassenstein
die Tierphysiologie und Verhaltensforschung vertrat, erhielt der
zweite Lehrstuhl den Schwerpunkt Entwicklungsbiologie, besetzt mit
Klaus Sander (1964), der dritte den Schwerpunkt Evolution und Ökologie,
besetzt mit Günther Osche (1967). Dies entsprach auch den Fachgebieten
der drei bedeutenden Vorgänger (in zeitlicher Reihenfolge):
August Weismann (1834-1914, Begründer des Neodarwinismus in
der Evolutionslehre), Hans Spemann (1869-1941, Entwicklungsphysiologe,
Nobelpreisträger) und Otto Köhler (1889-1974, Sinnesphysiologe,
Mitbegründer der Verhaltensforschung). Diese fachliche Ausrichtung
blieb auch bei der Berufung der heutigen Lehrstuhlinhaber erhalten:
Klaus Vogt (1986, Neurobiologie/Tierphysiologie), Klaus Peschke
(1989, Evolutionsbiologie und Ökologie der Tiere), Wolfgang
Driever (1996, Entwicklungsbiologie der Tiere).
1964 wurde in der Zoologie, wie auch in den anderen Instituten der
Biologie, die kollegiale Leitung eingeführt, d.h. der turnusmäßiger
Wechsel des Geschäftsführenden Direktors zwischen den
ProfessorInnen des Instituts. 2005 verabschiedeten alle Wissenschaftlichen
Mitarbeiter und ProfessorInnen einstimmig eine gemeinsam erarbeitete
neue Verwaltungs- und Benutzungsordnung, in welcher u.a. die Wahl
des Geschäftsführenden Direktors geregelt ist.
Entsprechend seiner Gliederung hat sich das Institut für Biologie
I in den folgenden drei Bereichen wissenschaftlich profiliert:
Entwicklungsbiologie der Tiere
Bereits in den 60er Jahren wurde mit der Berufung von Klaus Sander
an die bedeutende Freiburger Forschungstradition der Entwicklungsbiologie
der Tiere angeknüpft. Der von ihm geleitete SFB „Molekulare
Grundlagen der Entwicklung“ war der erste entwicklungsbiologische
SFB in Deutschland. Mit der Berufung von Wolfgang Driever (1996)
änderte sich der Schwerpunkt der Forschung von Insekten- hin
zur Wirbeltierentwicklung. Driever führte in Freiburg den Zebrafisch
(Danio rerio) als genetischen Modellorganismus zur Erforschung
der Musterbildung und Organogenese der Wirbeltiere ein. Die Forschungsschwerpunkte
der Arbeitsgruppe liegen im Bereich der embryonalen Frühentwicklung
(Signale des Spemannschen Gastrula-Organisators, dorsoventrale Musterbildung,
Mesendoderminduktion), der Organogenese (Pankreasentwicklung und
Beta-Zelldifferenzierung) und der Entwicklung des Nervensystems
(Differenzierung dopaminerger Neurone, Musterbildung in der Neuralplatte).
In der Abteilung werden in Mutagenesen neue Zebrafisch-Mutanten
identifiziert, welche die erforschten Entwicklungsvorgänge
betreffen. Durch genetische Kartierung und molekularbiologische
Techniken werden die betroffenen Gene identifiziert und ihre Funktion
während der Entwicklung untersucht. Experimentelle embryologische
Techniken werden hinzugezogen, um die Rolle einzelner Gene in den
Signalkaskaden wie auch in den Transkriptionsfaktornetzwerken zu
verstehen, welche die Entwicklung steuern.
2004 konnte das Forschungsspektrum durch die Berufung von Annette
Neubüser auf eine C3 Professur erweitert werden. Sie führte
sowohl mit Huhn und Maus neue Modellorganismen in die Abteilung
ein, als auch neue Themen: Molekulare Mechanismen der Gesichtsentwicklung
mit Schwerpunkt FGF-Signalweg und von ihm regulierter Gene, Innenohrentwicklung,
Musterbildung der olfaktorischen Plakode-Spezifizierung des Vomeronasal-Organs
und der Gonadotropin-realeasing-Hormon-produzierenden Neuronen-Kallmanns
Syndrome.
Kurz nach seiner Ankunft in Freiburg initiierte Driever den SFB
592 „Signalmechanismen in Embryogenese und Organogenese“,
dem er seit Gründung des SFB im Jahre 2001 als Sprecher vorsteht.
Im SFB 592 arbeiten gegenwärtig vier Arbeitsgruppen aus der
Abteilung Entwicklungsbiologie zusammen mit 12 anderen Gruppen aus
der Biologie, der Vorklinik, der Klinik und des MPI für Immunbiologie
an der Aufklärung molekularer Mechanismen der Entwicklung.
Neubüser gründete 2005 das DFG Graduiertenkolleg 1104
„Von der Zelle zum Organ: Molekulare Mechanismen der Organogenese“,
in dem 12 DoktorandInnen an entwicklungsbiologischen Projekten arbeiten.
Driever war 1998-99 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für
Entwicklungsbiologie und hat mit mehreren Entwicklungsbiologie-Tagungen
(1999 der Gesellschaft für Entwicklungsbiologie; 2003 „Signaling
Systems: Shaping Cells into Organs; 2006 „Molecules, Mechanisms,
and Models in Embryogenesis and Organogenesis“) Freiburg wieder
zu einem Zentrum der Entwicklungsbiologie gemacht.
Im Jahr 2001 gründete Driever das Life Imaging Center LIC
unter Leitung von Dr. Roland Nitsche (Akad. Rat in der Entwicklungsbiologie).
Das gegenwärtig mit sechs Konfokal-Mikroskopen arbeitende LIC
bietet optimale Life Imaging Techniken für den SFB 592 und
die Life Sciences in Freiburg. Nitschke arbeitet auch in Zusammenarbeit
mit Zeiss und anderen Firmen an der Weiterentwicklung von Techniken.
Der hohe wissenschaftliche Stand wurde auf der vom LIC organisierten
internationalen Tagung „From static spots to dynamic proteome
visualization and beyond“ 2005 in Freiburg widergespiegelt.
Evolutionsbiologie und Ökologie der Tiere
Ein Schwerpunkt der evolutionsbiologischen und ökologischen
Forschung der Abteilung liegt in der Untersuchung der Evolution
chemischer und optischer Signale, der Evolution von Anpassungen
im Fortpflanzungsverhalten und bei der Brutpflege sowie von Lebenslaufstrategien.
In vergleichenden Ansätzen wird die phylogenetische Rekonstruktion
der Merkmalsevolution einbezogen. Der experimentelle wie der vergleichende
Ansatz erfordert den Einsatz modernster Methoden der chemischen
Analytik, der Messung optischer und biochemischer Eigenschaften
von Signalen, der Molekularsystematik, der genetischen Bestimmung
der Elternschaft über DNA-fingerprints, der Biomechanik und
Funktionsmorphologie. Die Arbeiten finden im Labor und Freiland
statt. Im speziellen werden die biomechanischen Grundlagen von Spermien
und Genitalorganen untersucht. Die Untersuchung der Evolution chemischer
Signalsysteme umfaßt neben ultimaten Faktoren, wie Ausbeutung
und Betrug, auch physikalisch-chemische Constraints. Einige der
Insektensysteme haben angewandte Bedeutung (z.B. Parasitoide und
Schädlinge im Weinbau). Grundlegende Untersuchungen an Artengemeinschaften
von Insekten haben eine Relevanz im Natur- und Umweltschutz. Untersuchungen
zum Paarungsverhalten bei Käfern, zur Ressourcennutzung und
zum Brutpflegeverhalten semisozialer Insekten dienen dem Verständnis
der Entstehung von Sozialverhalten. Die Koordination der Abteilung
mit der Geobotanik und der Limnologie in Forschung und Lehre bedeutet
für die Zukunft einen Schwerpunkt Ökologie und Evolutionsbiologie.
Außerdem bestehen in der organismischen Biologie enge Verknüpfungen
mit der Funktionsmorphologie der Pflanzen. Das gesonderte Hauptfach
Limnologie ist der Abteilung der Biologie der Fließwasserorganismen
angeschlossen und wird in Kooperation mit den Kollegen des Limnologischen
Institutes der Universität Konstanz angeboten.
Die Arbeitsgruppe von Gerhard Bauer befaßt sich im Rahmen
der Fließwasserökologie mit den Lebenslaufstrategien
von Süßwassermuscheln. In der Gruppe von Josef Müller
liegt der Forschungsschwerpunkt auf der Evolution von Brutpflege-
und Sozialverhalten bei Insekten sowie der Evolution und Struktur
von Insektenlebensgemeinschaften. Klaus Peschke und seine MitarbeiterInnen
beschäftigen sich im Rahmen der Chemischen und Verhaltens-Ökologie
mit Fragen der Biomechanik und Funktionsmorphologie und der phylogenetischen
Systematik.
Neurobiologie / Tierphysiologie
Die Abteilung Neurobiologie/Tierphysiologie vertritt in der Lehre
der Fakultät die Grundlagen der Neurobiologie und der Sinnesphysiologie,
die Verhaltensphysiologie und die vegetative Physiologie.
In der Arbeitsgruppe von Klaus Vogt und seinen Mitarbeitern PD Dr.
Johannes von Lintig, Dr. Carsten Mehring, Dr. Vitus Oberhauser und
Dr. Tonio Ball – letzterer Stipendiat der Heidelberger Akademie
der Wissenschaften – liegt der Forschungsschwerpunkt auf dem
visuellen System, wobei neben der physiologischen Optik und Sehpigmenten
in letzter Zeit vor allem Mechanismen des Vitamin-A-Stoffwechsels
bei Invertebraten und bei Säugern bearbeitet wurden. Das visuomotorische
System (Mensch, Affe) wird intensiv mit elekrophysiologischen und
computergestützten Modellierungen untersucht. Bioakustische
Untersuchungen betreffen Invertebraten (Zikaden) und Hunde. In der
Arbeitsgruppe von Samuel Rossel werden Aspekte der Raumorientierung
bei Bienen (Orientierung nach polarisiertem Licht), Mantiden (Stereopsis)
und Schützenfischen untersucht. In der vegetativen Physiologie
untersucht die Arbeitsgruppe von Klaus-Günther Collatz Alterungsprozesse,
insbesondere den Stoffwechsel der körpereigenen Antioxidantien
(z.B. des Glutathionsystems) bei verschiedenen Tiergruppen.
|