Institut für Biologie II
Strukturwandel, Personalstruktur & wissenschaftlices Profil
Im Jahr 1999 wurden die „traditionellen“ Lehrstühle
des Institutes für Biologie II um einen weiteren, den für
Pflanzenbiotechnologie, erweitert. Im folgenden stellen die nunmehr
sechs Lehrstühle ihre Entwicklung in der letzten Zeit getrennt
vor.
Biochemie der Pflanzen
Mit dem Ausbau der Biologie wurde der Lehrstuhl für Biochemie
der Pflanzen eingerichtet un 1963 mit Hans Grisebach besetzt. Erst
im März 1968 konnte er aus dem vorübergehenden Domizil
in der Chemie in die Biologie umziehen.
1970 wurde Wolfgang Barz auf die zweite Professur des Lehrstuhls
berufen. Beide Professoren waren Gründungsmitglieder des ersten
biowissenschaftlichen Sonderforschungsbereichs in Deutschland „Molekulare
Grundlagen der Entwicklung“. Schwerpunkt der Forschung von
Grisebach und seinen Schülern waren Pflanzeninhaltsstoffe und
Phytoalexine. Auf die Professur von Barz, der Ende 1972 einen Ruf
nach Münster erhielt, folgte 1973 Klaus Hahlbrock, der nach
einer fruchtbaren Schaffensperiode 1982 den Ruf auf eine Direktorenstelle
des MPI für Züchtungsforschung in Köln annahm. Aus
Köln kommend folgte ihm Joachim Schröder mit dem Forschungsschwerpunkt
Flavonoide.
Bemerkenswert ist, daß weitere Freiburger Biochemiker an anderen
Universitäten Professuren übernahmen, wie Heinrich Sandermann
im Jahre 1986 und Jürgen Ebel 1992 an der Ludwig-Maximilian-Universität
München, Ulrich Matern 1996 in Marburg und Michael Hippler
2006 in Münster. Im März 1990 starb Grisebach überraschend
und viel zu früh. Wolfgang Haehnel folgte ihm 1992 auf den
Lehrstuhl. Schwerpunkt in der Forschung wurden die Primärreaktionen
der pflanzlichen Photosysnthese und Biochemie von Proteinen. Der
Lehrstuhl war an der Gründung des neuen Sonderforschungsbereichs
für „Dynamische Proteinwechselwirkungen“ beteiligt
und Koordinator und Mitglied von mehreren internationalen EU-Projekten
sowie Mitglied in mehreren Graduiertenkollegs.
Anja Liszkay habilitierte sich als erste Frau in der Biochemie und
war Hochschuldozentin bis 2005. Eine der ersten neu eingerichteten
Juniorprofessorenstellen in Freiburg erhielt Michael Schroda mit
seiner Forschung an pflanzlichen Chaperonen. Die zweite Professur
für Biochemie wurde nicht wieder besetzt. Assoziiert wurde
im April 2004 eine neue Professur für Experimentelle Bioinformatik,
auf die Wolfgang Hess berufen wurde, der sich dem Genom und der
RNA von Cyanobakterien widmet. Die Forschung von Haehnel hat als
neue Richtung außer dem Verständnis der Faltung von Proteinen
heute Proteomics und Systembiologie von Chloroplasten als einen
Schwerpunkt etabliert, der durch die von der DFG geförderte
Hochleistungsmassenspektrometrie möglich wurde.
Botanik
Mit dem Ausscheiden von Hans Mohr, der drei Jahre vor seiner Emeritierung
den Ruf als Vorstandsmitglied der neu gegründeten Akademie
für Technikfolgenabschätzung in Stuttgart erhielt, übernahm
im Jahre 1992 Peter Schopfer die Lehrstuhlvertretung, unterstützt
von den Professorenkollegen Edgar Wagner, Eckhard Wellmann und Eberhard
Schäfer. Letzterer folgte 1995 als Lehrstulinhaber Mohr nach.
Nach der Pensionierung von Wagner und Wellmann erhielt 2002 Klaus
Palme den Ruf auf eine Professur für Pflanzenbiotechnologie.
Nachdem ursprünglich, neben anderen Aspekten der Pflanzenphysiologie,
insbesondere die pflanzliche Licht-Perzeption im Mittelpunkt der
Forschung gestanden hatte, beschäftigen sich heute die Arbeitsgruppen
des Lehrstuhls mit der Weiterleitung externer Signale innerhalb
der Pflanzenzelle und deren Auswirkung auf die Genexpression sowie
mit der Entwicklungsbiologie von Pflanzen an verschiedenen Modellorganismen.
Schäfer war von 1983-1994 Sprecher des SFB 206 „Biologische
Signalreaktionsketten“, von 1994-2006 stellv. Sprecher des
SFB 388 „Zelluläre Funktionen dynamischer Protein Wechselwirkungen“,
von 2001 bis heute stellv. Sprecher des SFB 592 „Signalmechanismen
in Embryogenese und Organogenese“. In den zurückliegenden
zehn Jahren wurden in internationaler Kooperation verschiedenste
HFSP- und EU-Projekte durchgeführt (Molecular properties of
type I and II phytochromes and achievements to study structure function
relations; Transduction of UV-B signals in plants; Temporal and
spatial regulation of phytochrome in the control of plant gene expression;
PHOTARCH: The photoregulation of plant architecture and performance;
OPTOMIZE: Architecture engineering in the tomato). Als Gastwissenschaftler
der Alexander-von-Humboldt-Stiftung arbeiteten Winslow Briggs (Washington,
USA) und Ferenc Nagy (Szeged, Ungarn) äußerst erfolgreich
in Freiburg. Briggs erhielt für seine Verdienste im Jahr 2002
von der Fakultät die Ehrendoktorwürde, Nagy ist seit 2004
Honorarprofessor der Fakultät.
Mehrere Nachwuchswissenschaftler des Lehrstuhls wurden kurz nach
ihrer Habilitation auf Professuren berufen: Alfred Batschauer (seit
1997 C4-Professur an der Universität Marburg, Botanisches Institut);
Peter Nick (seit 2003 C4-Professur an der Universität Karlsruhe
(TH), Botanisches Institut); Klaus Harter (seit 2004 C4-Professur
an der Universität Tübingen, ZMBP – Zentrum für
Molekularbiologie für Pflanzen).
Geobotanik
Mit dem Ausbau der Fakultät in den 70er Jahren erwies es sich
als notwendig, den Bereich der organismischen und ökosystemaren
Botanik in der Lehre zu verstärken und die Vegetationsökologie
als Forschungszweig zu intensivieren. Damit sollten auch die zunehmend
ins Bewußtsein der Öffentlichkeit tretenden Umweltprobleme
von geobotanischer Seite angegangen werden. Inhaberin des 1975 gegründeten
Lehrstuhls für Geobotanik wurde Otti Wilmanns, die zweite Professur
übernahm 1980 Arno Bogenrieder. Nach der Emeritierung von Wilmanns
folgte im März 1997 Ulrich Deil.
Der Kern der Forschungsarbeiten war und ist die vegetationsökologische
Grundlagenforschung, insbesondere zu Wäldern der temperaten
und subtropischen Klimazone und zu den Ökosystemen Weinberg,
Moore, temporäre Gewässer und Tropfwasserhalbhöhlen.
Räumliche Schwerpunkte sind Südwestdeutschland und der
südwesteuropäisch-nordafrikanische Mittelmeerraum. Historische
Einflüsse auf die aktuelle Pflanzendecke werden im Graduiertenkolleg
„Gegenwartsbezogene Landschaftsgenese“ erforscht. Ein
weiteres interdiszplinäres Projekt befaßt sich auf experimenteller
Grundlage mit dem Ackerbau des Spätneolithikums.
Anwendungsorientierung ist fester Bestandteil in Ausbildung und
Forschung. Fragen des Naturschutzes und der Umweltsicherung spielen
z.B. im wissenschaftlichen Begleitprogramm zur Biotopkartierung
und in Projekten für Angewandte Ökologie des Landes Baden-Württemberg
eine wichtige Rolle. Für Themen mit regionalem Bezug bestehen
Kooperationen unter anderem zum Staatlichen Weinbauinstitut und
zur Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg.
Mikrobiologie
Das Fach Mikrobiologie an der Universität Freiburg wurde im
Jahre 1964 bei der Neuordnung der Fakultät für Biologie
begründet. Der Freiburger Lehrstuhl für Mikrobiologie
war einer der ersten seiner Art in ganz Deutschland und wurde in
Verbindung mit mikrobiologischen Arbeitsgruppen am MPI für
Immunbiologie zu einem Zentrum für mikrobiologische Forschung.
Gerhart Drews baute den Lehrstuhl auf und leitete ihn bis zu seiner
Emeritierung im Jahre 1993. Die Freiburger Mikrobiologie veranstaltete
1991 die Jahrestagung der Vereinigung für allgemeine und angewandte
Mikrobiologie (VAAM) mit 1.100 Teilnehmern.
Schwerpunkt der Forschung der ersten dreißig Jahre waren Photosynthesetreibende
(phototrophe) Mikroorganismen. An ihnen wurden zentrale Themen der
Biologie wie Photosynthese, Zellstruktur, Membranbiogenese, Zusammenbau
komplexer Membranproteine und ähnliche Fragestellungen modellhaft
untersucht. PD Dr. Monier Tadros (bis 1995), Georg Schön (bis
1999), Jürgen Oelze (bis 2004), Dr. Jochen Golecki (bis 2006)
und Jürgen Weckesser (bis 2007) setzten diese Tradition fort
(Regulation der Biosynthese des Photosyntheseapparats, Regulation
der Stickstoffixierung, Polyphosphat-Stoffwechsel, Struktur von
Lipopolysacchariden und Porinen, Toxine von phototrophen Bakterien).
In den letzten Jahren kamen neue Forschungsgebiete hinzu. Georg
Fuchs als Nachfolger von Drews (seit 1994) beschäftigt sich
mit neuen Prinzipien des bakteriellen Stoffwechsels (Aromatenstoffwechsel,
CO2-Fixierungs-Mechanismen in autotrophen Bakterien, Acetat-Assimilation).
Peter Graumann als Nachfolger von Oelze (seit 2004) befaßt
sich mit drei Problemen der Zellbiologie von Prokaryonten am Modellbakterium
Bacillus subtilis, die eng miteinander verzahnt sind. (1) Die Segregation
von Chromosomen während des Zellzyklus, (2) das bakterielle
Cytoskelett und (3) die Reparatur von Doppelstrangbrüchen der
DNA und die Aufnahme von DNA (Kompetenz).
Derzeit verfügt der Lehrstuhl Mikrobiologie über drei
Professuren und drei wissenschaftliche Mitarbeiterstellen. Die Arbeiten
wurden vor allem durch die DFG im Rahmen von Einzelprojekten, von
Schwerpunktprogrammen, im Rahmen einer Forschergruppe und von SFBs
unterstützt. Das DFG-Graduiertenkolleg „Biochemie der
Enzyme“ (1998-2007) wird unter Federführung der Mikrobiologie
organisiert. Weitere Fördermittel stammten vom Fonds der Chemischen
Industrie, von Firmen (Degussa, DuPont, BASF), von Ministerien sowie
aus dem Leibniz-Preis der DFG an Fuchs (1997).
Pflanzenbiotechnologie
Im Jahre 1999 wurde durch Unterstützung des Ministeriums, des
Rektorates und der Fakultät für Biologie am Institut Biologie
II der Lehrstuhl für Pflanzenbiotechnologie ad personam neu
eingerichtet und Ralf Reski berufen. Die Gruppe bearbeitet vornehmlich
das Laubmoos Physcomitrella patens und kooperiert auf diesem Gebiet,
insbesondere im Bereich der funktionellen Genomanalyse, mit einem
weltweit tätigen Konzern und im Bereich der Herstellung therapeutischer
Proteine mit einer Freiburger start-up-Firma. Im Bereich der Grundlagenforschung
arbeitet die Pflanzenbiotechnologie unter anderem im DFG-Schwerpunktprogramm
1067 (Sprecher: Reski), im SFB 388 sowie in den Graduiertenkollegs
GK257 und GK1305. Ferner ist die Gruppe im internationalen „Moss
Genome Consortium“ durch Unterstützung des US Department
of Energy sowie der DFG an der vollständigen Entschlüsselung
des Genoms von Physcomitrella beteiligt. All diese Arbeiten werden
mit Hilfe der Computational Biology in einem systembiologischen
Ansatz verknüpft.
Zellbiologie
Der Berufung auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Zellbiologie
folgte 1968 Peter Sitte, wobei die großzügige Erstausstattung
in personeller und apparativer Hinsicht (mehrere teure Großgeräte
wie Elektronenmikroskope, Ultramikrotome und Ultrazentrifugen, ein
biochemisches Labor mit allen Möglichkeiten der Chromatographie
und dem Einsatz radioaktiver Isotope) ihm die Entscheidung erleichterte.
Zusammen mit Sitte kam aus Heidelberg einer der besten Elektronenmikropiker
dieser Zeit, Heinz Falk, an den Lehrstuhl. Nach Fertigstellung des
neuen Institutes wurde durch eine Reihe von Arbeitsgruppen ein breites
Spektrum aktueller zellbiologischer Fragen erfolgreich bearbeitet,
die vom Zellfeinbau (u.a. Zellwände und Plasmodesmen, Plastiden,
Zellkern und Nucleolen, Cyzoskelett) bis zur Biosynthese von Carotinoiden
und Problemen der Endycytobiologie reichten. Sitte hat mehrfach
verantwortungsvolle Aufgaben im Wissenschaftsbetrieb übernommen:
er war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Elektronenmikroskopie
und der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, der
ISEG (International Society of Endocytobiology, German Section),
und er war Gründungspräsident der Deutschen Gesellschaft
für Zellbiologie. Zusammen mit Falk hat er über ein Jahrzehnt
lang die neugegründete Zeitschrift „Biologie in unserer
Zeit“ herausgegeben, in Ko–Autorschaft mit Hans Kleinig
drei Auflagen des erfolgreichen Lehrbuchs „Zellbiologie“,
weiterhin mit drei bzw. vier Mitautoren das große „Lehrbuch
der Botanik für Hochschulen“ (33.-35. Aufl.), das Eduard
Strasburger vor über 100 Jahren begründet hatte. Diese
Leistungen fanden breite Anerkennung, die sich in zahlreichen wissenschaftliche
Auszeichnungen niederschlugen.
Eine Reihe von Habilitationen belegen die erfolgreiche Arbeit der
Mitarbeiter. Alle Dozenten sind später in hohe Positionen aufgerückt:
Rainer Kollmann wurde Ordinarius in Kiel, Werner W. Franke erreichte
eine führende Stellung im Deutschen Krebsforschungszentrum
in Heidelberg, Frank Wunderlich eine Professor in Düsseldorf,
Bernhard Wolf in München, Uwe G. Maier in Bayreuth und Marburg.
Kleinig lehnte wegen schlechterer Arbeitsbedingungen einen Ruf auf
ein Ordinariat in Hamburg ab. Sein Schüler und Mitarbeiter
Peter Beyer ist durch den in Zusammenarbeit mit Ingo Potrykus gentechnisch
modifizierten "Goldenen Reis" weltbekannt geworden.
Eine neue Ära am Lehrstuhl für Zellbiologie wurde eingeleitet
durch die Berufung von Gunther Neuhaus (1995) von der ETH-Zürich
als Nachfolger von Sitte. Die wissenschaftlichen Schwerpunkte der
Zellbiologie umfassen nun die Aufklärung von Signalnetzwerken
bei Pflanzen (Abiotischer Stress, Licht) und die Ausrichtung in
„Nutrional Genomics“ der Gruppe von Beyer. Nach Ausscheiden
von Kleinig erhielt Beyer 2002 den Ruf auf die Nachfolge. Die Zellbiologie
am Institut für Biologie umfaßt neben diesen beiden weltweit
kooperierenden Gruppen – auf der Basis von internationalen
Grants (EU, Bill and Melinda Gates Foundation, HarvestPlus) –
eine zentrale moderne Serviceeinheit für Elektronenmikroskopie.
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